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Doležel & Meister stellen vor:
          Fotogalerie der historischen Urban-Orgel in Pilsen klicken Sie hier -

 

Orgel in der evangelischen Koranda-Gemeinde in Pilsen
 
  Orgel in der Evangelischen Koranda-Gemeinde in Pilsen  
     
     
  In diesem Kapitel:  
     
     
  Ursprüngliches Konzept der Orgel  
     
  Heutiger Zustand  
     
  Zukunft der Orgel  
     
  Besondere Register  
     
  Koppelapparate  
     
  Schlusswort  
     
     
     
     
     
     
     
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  Labial-Klarinette 8´  
  Pfeife des Originalregisters Labial-Klarinette 8´  
     
     
     
  Oboe  
  Die Pfeifen des Registers Oboe 8´.  
     
     
     
  Blick auf die Orgel aus der Kirche  
  Die Kirche im funktionalistischen Stil wurde wie die Orgel in den 30er Jahren gebaut. Die Kuppel auf zwölf Säulen befindet sich in einer Höhe von 16 Metern und die Kirche hat für Musik eine wunderbare Akustik.  
     
     
     
  Gedackt 8´  
  Originale Pfeifen des Registers Gedackt 8´.  
     
     
     
  Originale Disposition - Kostenanschlag des Orgelbauers Karel Urban  
  Originale Disposition - Kostenanschlag des Orgelbauers Karel Urban. Die endgültige Disposition der Orgel hat sich in mehreren Jahren entwickelt. Hier rechnet Urban bereits mit "drei besonderen Registern", in seinem Vorschlag schreibt er jedoch an ihrer Stelle "freier Raum auf der Lade für ein Register"  
     
     
     
  Umbau der Disposition - Vorschlag von Dr.Reinberger  
  Vorschlag für den Dispositionumbau von Dr.Jiří Reinberger. Durch Verkürzen von "unbrauchbaren" romantischen Stimmen sollte eine Orgel mit barockem Klang entstehen.  
     
     
     
  Dokumentation der Orgel aus dem Jahre 2010  
  Dokumentation der Orgel aus dem Jahre 2010 von Balázs Szabó. Auf dieser Seite ist der heutige Zustand des Registers Labial-Klarinette 8´ dokumentiert.  
     
     
     
  Eine der barockisierten Pfeifen  
  Folgen des Umbaus im Jahre 1955 - durch eine solche handwerkliche Arbeit sollte ein barocker Klang entstehen. Auf dem Foto eine der Pfeifen des Originalregisters Labia-Klarinette 8´, heute zur Offenflöte 4´ umgebaut.  
     
     
     
  Verkürzte Pfeifen  
  Oboe 8´ - Labialpfeifen der ausgebauten Superkoppel. Ursprünglich längere Pfeifen wurden beim Umbau im Jahre 1955 verkürzt und an einer anderen Stelle in der Orgel platziert. Ein weiteres Beispiel dafür, wie ein barocker Klang entstehen sollte.  
     
     
     
  Travers-Flöte 4´  
  Travers-Flöte 4´ - der Winddruck in der Orgel wurde beim Umbau wesentlich erniedrigt, den Verlust an der Tonhöhe hat man durch Verkürzen der Pfeifen korrigiert...  
     
     
     
  Magneten der elektrischen Traktur  
  Magneten der elektrischen Traktur  
     
     
     
  Aeoline 8´  
  Aeoline 8´ - originale Pfeifen aus dem leisesten Register der Orgel mit verschiedenen Intonationsvorrichtungen.  
     
     
     
  Blick vom Spieltisch  
  Blick vom Spieltisch. Die weissen Registerwippen wurden erst beim Umbau eingebaut, bei der Restaurierung werden sie wieder durch originale Wippen ersetzt.  
     
     
  Alle Fotos sind bei der Durchführung der Dokumentationarbeiten der Orgel im Jahre 2010 entstanden.  
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     

Orgel mit einer ungewöhnlichen Disposition und bewegtem Schicksal. Als der Orgelbauer Karel Urban im Jahre 1932 den Vertrag zum Bau einer neuen Orgel für die sich damals noch im Bau befindende Kirche abgeschlossen hat, konnte er noch nicht ahnen, dass seine Orgel eine der letzten im spätromantischen Stil wird und gleichzeitig eine der ersten, die ohne jedes Verständnis "barockisiert" werden wird.

 

 

Der tschechische Orgelbau in den30er Jahren des 20. Jh.
 

Ein sehr interessantes, jedoch heute sehr vernachlässigtes Kapitel der Orgelgeschichte stellt der tschechische Orgelbau der 30er Jahre dar. Die allgemeine Situation zwischen den Weltkriegen forderte das Können der Orgelbauer. Im Rahmen begrenzter finanzieller Mittel wurden Wege gesucht, das Potenzial, das in jeder Pfeife steckt, maximal auszunutzen.

Die Geläufigkeit im Bau von pneumatischen Systemen hat Spielhilfen ermöglicht, die ein einziges Ziel haben: dem Organisten das Ausschöpfen aller Klangfarben der Orgel zu ermöglichen. Sehr erfindungsreiche Lösungen für die Disposition sind oft die Folge, die bereits bei Orgeln mit begrenzter Stimmenanzahl grossen Reichtum an Farben bieten, ohne dass das künstlerische Niveau beeinträchtigt wird.



Das ursprüngliche Konzept der Orgel
 

Nicht anders ist auch Orgelbauer Urban beim Bau der Orgel in Pilsen verfahren. Angesichts dessen, dass die neue Orgel als Konzertinstrument geplant wurde, hat er eine Disposition entworfen, die nicht nur im tschechischen Raum ungewöhnlich ist.

Mit nur siebzehn klingenden Stimmen hat Urban alle Charaktere ausgebaut, die man in der Orgel braucht. Kein Register ist überflüssig, gleichzeitig ist aber auch keine der Funktionen der Orgel vernachlässigt. Allein die Disposition bildet schon ein Meisterwerk.

Originale Disposition:
I.Manual C-g3 - 68 Tóne   II.Manual C-g3 - 68 Töne   Pedal C-f1 - 42 Töne
Principal 8´   Geigenprincipal 8´   Violonbass 16´
Flöte 8´   Lieblich Gedackt 8´   Subbass 16´
Gamba 8´   Aeolinae8´   Stillgedackt 16´
Salicional 8´   Vox coelestis 8´   I/P
Labial-Klarinette 8´   Gemshorn 4´   II/P
Oktave 4´   Travers-Flöte 4´   P 4´
Mixtur 2 2/3´ 3fach   Oboe 8´    
I 16´   II 16´    
I 4´   II 4´    
II/I 16´        
II/I 8´        
II/I 4´        
Verstummen der 8´ Lage im I.Man.    
 
freie Kombination
Handregister zur freien Kombination
Piano, Mezzoforte, Forte, Pleno, Auslöser
Piano-Pedal zum II.Man.
Zungenabsteller        
Tremolo II.Man.        
Walze        
Schweller II.Man.        
         
Kegelladen, pneumatisches Auslass-System
 
Erbauer: Karel Urban
Fertigstellung: 1937
 
Anm. - Die Registernamen wurden ins Deutsche übertragen.

 

 

Heutiger Zustand
 

Erhebliche Schäden am Zustand der Orgel hat leider der Umbau verursacht, der bereits im Jahre 1955 - also nur achtzehn Jahre nach der Fertigstellung der Orgel - erfolgt ist. Die persönliche Bekanntschaft von Dr.Reinberger mit Gemeindemitglieder war der Auslöser für den Vorschlag zum Umbau der Orgel. Nur dank der schlechten finanziellen Lage wurde die Urban-Orgel nicht ganz beseitigt und eine neue Orgel an ihrer Stelle gebaut.

Dr.Reinberger war im Orgelbau ein Verfechter des Neobarocks und für die undiskutablen Qualitäten der damals praktisch neuen Urban-Orgel hat er nicht das mindeste Verständnis gezeigt. Sein Vorschlag folgt ganz den Ideen, die die Orgelbewegung verfolgt hat.

Der für die damalige Zeit absolut typische Umbau zeigt keine Spuren von Kreativität und kontrastiert so scharf mit der originalen durchdachten Konzeption von Karel Urban.

Heutiger Zustand:
I.Manual C-g3 - 68 Töne   II.Manual C-g3 - 68 Töne   Pedal C-f1 - 30 Töne
Principal 8´   Lieblich Gedackt 8´   Subbass 16´
Flöte 8´   Aeoline 8´   Oktavbass 8´
Salicional 8´   Travers-Flöte 4´   Choralflöte 4´
Oktave 4´   Principal 2´   I/P
Offenflöte 4´   Spitzquinte 1 1/3´   II/P
Waldflöte 2´   Akuta 1´ 4fach   I/P 4´
Sesquialter 1 1/3´ (unbesetzt)   Oboe 8´    
Mixtura 1 1/3´ 3-5 fach   II 16´    
II/I 16´   II 4´    
II/I 8´        
II/I 4´        
I 16´        
I 4´        
 
2 freie Kombinationen
Handregister zur freien Kombination
Pleno, Tutti, Auslöser
Zungenabsteller        
Tremolo II.Man.        
Walze (ausser Betrieb)        
Schweller II.Man.        
         
Kegelladen, elektropneumatische Traktur
 
Anm. - die Registernamen wurden ins Deutsche übertragen

Schon auf den ersten Blick ist die heutige Disposition wesentlich ärmer als die von Urban. Ausser einem neutralen Flötenklang kann sie fast nichts mehr bieten. Viele Stimmen wurden gekürzt, praktisch alle originalen Metallpfeifen wurden beschädigt. Durch eine Winddruckerniedrigung wurde ein matter, ausdruckloser Klang erzielt. Diese Masnahme hat auch auf die Funktion der pneumatischen Traktur sehr negative Auswirkung gehabt.

Der Umbau wurde schliesslich nach dem Vorschlag Reinbergers durch Orgelbauer Schaller im Jahre 1955 ausgeführt. Seine Arbeit ist gekennzeichnet von einem unglaublich schlechten handwerklichen Niveau, was man bis heute an praktisch allen Pfeifen der Orgel sehen kann. Der Umbau wurde jedoch in den Anwesenheit Dr.Reinbergers kolaudiert und dem Orgelbauer sogar Lob für seine Arbeit ausgesprochen...

In den achtziger Jahren wurde die Traktur von der original pneumatischen zur elektro-pneumatischen geändert. Die damals sehr verschmutzte Luft in Pilsen - durch die Skoda-Werke einerseits und den Rauch aus den Dampflokomotiven auf dem unmittelbar angrenzenden Hauptbahnhof anderseits - hat eine völlige Verstopfung der Röhren der Pneumatik durch fetten Staub verursacht.

 

 

Die Zukunft der Orgel
 

Der heutige trostlose Zustand der Orgel wird bald zur Vergangenheit. Der Kirchenvorstand der Koranda-Gemeinde liess im Jahre 2010 eine Dokumentation der Orgel von dem Orgelsachverständigen Balázs Szabó ausarbeiten. Die Dokumentation beleuchtet ausführlich Zustand und Geschichte jedes einzelnen Orgelteils samt aller Pfeifen. Als Ergebnis der Dokumentation hat sich eindeutig gezeigt, dass vor allem die künstlerischen Qualitäten der ursprünglichen Orgel ganz ausserordentlich waren. Der Kirchenvorstand hat deswegen entschieden, dass die Orgel kompromisslos auf den originalen Zustand aus dem Jahre 1937 zurückzuführen ist.

Im Moment (Frühling 2012) werden Vorarbeiten für die Restaurierung durchgeführt, im Jahre 2015 soll die Orgel fertig sein. Die restaurierte Orgel kann somit ihren würdigen Beitrag im Programm des Projektes Pilsen 2015 - Europäische Kulturhauptstadt leisten.

 

 

Besondere Register
 

Aus den Archivmaterialien kommt deutlich hervor, dass die ganz traditionelle Disposition mit vierzehn Stimmen erst im Verlauf des Baus auf die definitive Grösse mit siebzehn Stimmen erweitert wurde. Dem Orgelbauer Urban war diese Erweiterung offensichtlich sehr wichtig und in der Tat machen diese "drei besonderen Register", wie sie Urban selbst nennt, diese Orgel zu einem echten Unikat.

Diese Register sind folgende:
I.Manual - Labial-Klarinette 8´
II.Manual - Oboe 8´
Pedal - Stillgedackt 16´

Labial-Klarinette 8´ - sehr selten gebautes Register, mit charakteristischem Klang hat es die Funktion der Solostimme und verleiht dem ganzen Manual eine besondere Färbung.

Oboe 8´ - einzige Zungenstimme der Orgel, sehr stark mit einem kernigen, farbigen Klang. Diese Stimme ist auf keinen Fall mit dem gleichnamigen franzözischen Register zu vergleichen - seine Funktion war in Pilsen ganz anders. Wie eine starke Solostimme konnte man sie mit einer reichen Palette an Grundregistern aus dem I.Manual begleiten. Genauso war sie aber auch ein Plenumregister, das im Unterschied zur geläufigeren Trompete 8´ dem Klang der Orgel eine ganz andere, reichere Farbe verleiht.

Stillgedackt 16´ - ein Pedalregister für Pianissimo-Farben. Mit nur drei Registern hat der Orgelbauer alle Aufgaben des Pedals ausgebaut: als leise Basstime zur Aeoline, Vox coelestis usw. (Stillgedackt 16´), als vollen Klang (Subbas 16´) und als starker, kerniger Bass (Violonbass 16´).

Die Klangvielfalt der Orgel in Pilsen ist dank dieser drei "besonderen Register" mit Orgeln mit der doppelten Stimmenanzahl vergleichbar.

 

 

Koppelapparate
 

Das durchdachte Konzept der Orgel hat durch die Einbeziehung des Koppelapparates das Ausschöpfen aller Klangfarben der Orgel in jeder denkbaren Lage ermöglicht.

 

- ausgebaute Superkoppeln - in beiden Manualen waren bei allen Registern die Superkoppeln ausgebaut. Beim Spiel in höheren Lagen war der Organist also nicht durch das Brechen des Klanges limitiert, das bei nichtausgebauten Superkoppeln vorkommt.

 

- Verstummen der 8´ Lage im I. Manual - eine geniale Lösung, die es ermöglicht, die Register des ersten Manuals in einer anderen Lage zu benutzen. Zum Beispiel: bei der Kombination der Register Salicional 8´+ Verstummen der 8´ Lage + Superkoppel I 4´ erhalten wir einen feinen streichenden Klang in 4´ Lage. Zu diesem Klang können wir z.B. Lieblich Gedackt mit der Aeoline aus dem zweiten Manual koppeln - dadurch erreichen wir eine ätherische, feine Farbe, die ohne diese Vorrichtung nicht möglich wäre. Es klingt nämlich real: Lieblich Gedackt 8´+ Aeoline 8´+ Salicional 4´.

Hier eröffnet sich dem Organisten ein breites Feld zum Experimentieren. Dank dieser Vorrichtung kann man Farben wie z.B. Gamba 16´ + Gamba 4´ oder Klarinet 16´ + Klarinet 4´ kreieren - alles frei kombinierbar mit dem zweiten Manual, das wieder in beliebiger Lage angekoppelt werden kann.

 

- Zungenbatterie 16´ + 8´ + 4´ - Dank den Oktavkoppeln konnte man mit einem einzigen Zungenregister einen ähnlichen Effekt bilden, der dem franzözischen Récit vergleichbar ist. Die Aufstellung des Plenum-Zungenregisters auf dem zweiten Manual, also im Schweller, ermöglicht eine wirkungsvolle Beeinflussung der Dynamik des Plenums der Orgel. Genauso setzt sich die Solo-Farbe 16´ + 8´ + 4´ gegen das Plenum des Hauptwerkes durch.

 

- Pedal-Superkoppel - war gleich wie die Manualsuperkoppel ausgebaut. Dank dessen waren alle Pedalregister auch in 8´-Lage spielbar. Bis zu einem bestimmten Punkt war also eine obligate Pedalregistrierung ohne weiteres möglich.

 

Der Höreindruck vermittelt die eindeutige Erkenntnis, dass eine ausführliche Verwendung der Koppeln auf keinen Fall eine blosse Sparmasnahme darstellt. Ganz im Gegenteil: erst durch die richtige Einbeziehung der Koppeln kann man die Möglichkeiten der Orgel ausschöpfen. Der Akzent liegt auf dem Wort richtig - es liegt nur an dem Organisten, ob er durch eine ungeschickte Verwendung der Oktavkoppeln einen Klangbrei entstehen lässt, oder ob er den ganzen Apparat zur Bildung von neuen Klangfarben benutzt.

 

 

Schlusswort
 

Der in vielen Aspekten missverstandene tschechische Orgelbau der 30er Jahe des 20. Jh. hat eine Fülle an bemerkenswerten Instrumente gebracht, deren Qualitäten bei einem flüchtigen Blick verborgen bleiben können. Dabei gehört der Erfindungsgeist - nicht nur im technischen, sondern vor allem im klanglichen Bereich - zu den stärksten Seiten dieser Zeit.

Die Orgel der Koranda-Gemeinde in Pilsen ist ein klarer Beweis für diese Behauptung und es bleibt nur zu wünschen, dass in Zukunft die Orgeln dieser Epoche die gleiche Anerkennung finden, wie bereits ihre älteren Schwestern sich erworben haben.

 

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Zum Schluss ein Foto der Kirche aus dem Blick des Organisten...

Blick in die Kirche

 

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